Die Gefährdung der Juden im Spannungsfeld der französischen Krise

Republikanischer Club – Neues Österreich, Rockhgasse 1, 1010, Eingang Café Hebenstreit
Referat und Diskussion mit Danny LEDER, Moderation: Alexander EMANUELY (RC)

Zwei Tage nach dem Blutbad bei „Charlie-Hebdo“  wurden in einem koscheren Supermarkt an der Pariser Stadtgrenze vier Juden erschossen. Weil bei den Anschlägen vom Jänner quasi zeitgleich Frankreichs populärste Karikaturisten und Juden von Dschihadisten getötet wurden, rückte die besondere Gefahrenlage der Juden ins Bewusstsein jener Teile der französischen Zivilgesellschaft, die bisher dieses Phänomen unterschätzt hatten.
Das bedeutet nicht, dass Frankreichs mediale Öffentlichkeit, politische Spitzen und Sicherheitsbehörden zuvor die Augen vor antijüdischen Taten verschlossen hätten – ganz im Gegenteil. Aber gleichzeitig stockte das diesbezügliche Engagement bei einem Teil der aktivsten Kerne der Zivilgesellschaft nicht zuletzt wegen der schmerzhaften Erkenntnis, dass die antijüdische Gewalt fast ausschließlich von Jugendlichen ausging, die sich in städtischen Randzonen, an der Schnittstelle zwischen Kriminalität und radikalem Islam bewegen – also jungen Menschen aus benachteiligten Milieus, denen Verständnis entgegengebracht wird.

Nun sind aber praktizierende jüdische Gläubige – von denen es in Frankreich vergleichsweise viele gibt (insgesamt leben rund eine halbe Million Juden in Frankreich) – seit über einem Jahrzehnt in volkstümlichen Vierteln Übergriffen ausgesetzt. In den letzten Jahren mutierten Nahbereichs-Peiniger der Juden zu dschihadistischen Attentätern.
Die Aufmärsche im Jänner, an denen über vier Millionen teilnahmen, waren ein Aufbäumen für die Republik und das „Vivre Ensemble“ (also respektvolles Zusammenleben in einem säkularen Rahmen). Aber diese Bereitschaft stößt sich am demoralisierenden Effekt der anhaltend hohen Arbeitslosenrate und dem Zerfall der einstigen Solidargemeinschaften. Faktoren, die den Nationalpopulismus und Islamismus befeuern, wobei sich letzterer zu einer tödlichen Gefahr für die Juden entwickelt hat.

Danny LEDER ist in Paris seit 32 Jahren als Journalist tätig. Zuletzt erschien in der Süddeutschen Zeitung sein Artikel Juden und Muslime in Frankreich: Fromme Fluchten. Auf seinem Webportal erschien zum selben Thema: Durcheinander an der Seine.

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