Buch "Wahied Wahdat-Hagh: Der islamistische Totalitarismus"

Rezension: Der islamistische Totalitarismus

Mit seinem neuesten Buch Der islamistische Totalitarismus. Über Antisemitismus, Anti-Bahaismus, Christenverfolgung und geschlechtsspezifische Apartheid in der »Islamischen Republik Iran« hat Wahied Wahdat-Hagh erneut ein deutschsprachiges Standardwerk zum Iran zu Papier gebracht. Der Schwerpunkt des Buches liegt in der minutiösen Schilderung der historischen Genese der Ideologie und Propaganda der Islamischen Republik Iran bis zur Gegenwart und der Darstellung der Unterdrückung und Verfolgung der Frauen und Bahai.

Das iranische Regime bezeichnet Wahdat-Hagh als „neue Form der totalitären Herrschaft, die den Terror zum Widerstand, die Diktatur zur Demokratie“ (319) erklärt. Als charakteristische Kriterien für den islamistischen Totalitarismus, werden u.a. das Führerprinzip, Islamistische Ideologie und Propaganda, totalitäre Organe (Institutionen), Massenbewegung und Massenmobilisierung, Islamistische Gleichschaltung, Geheimpolizeiliche Überwachung und Terror nach innen und nach außen, Antisemitismus und Verfolgung von Frauen und Bahai genannt. (35f.) Eine besondere Rolle komme dabei der Ideologie im „neuen Totalitarismus“ zu, den der Autor als „ideokratisches System“ (36) bezeichnet.

„Totalitäre Herrscher versuchen, auf der ideologischen Ebene eine gemeinsame Identität mit den Beherrschten herzustellen, sei es mit Folter, Gefängnisstrafe oder der Angst vor Hinrichtung.“ (42)

Die Anfänge des islamischen Fundamentalismus verfolgt Wahdat-Hagh bis in das 18. Jh zurück. Herausragend unter den historischen Vorläufern ist dabei der iranische Islamist Jamal Al-Din Assadabadi (1838-1897), Afghani genannt. Afghani war

„Mentor von Raschid Rida und Mohammed Abduh, die wiederum als die Lehrer von Hassan Al-Banna gelten, der im Jahr 1928 die Muslimbruderschaft gründete.“ (15)

Tatsächlich waren alle Elemente des Islamischen Totalitarismus bereits bei Afghani vorhanden. Er forderte die islamische Welt auf, „sich die europäische Welt anzueignen“ und gleichzeitig die „westliche Kultur aber abzulehnen.“ Er vertrat ein „organizistische[s] Gesellschaftsbild“, propagierte den „antikolonialen Kampf“ und die Einführung des „islamischen Recht als Staatsgesetz“.(17). Über die Fadayane Islam (die sich für den Islam opfern), eine islamistische Terrororganisation der 50er Jahre deren Führungsfigur Navab Safavi ebenfalls gute Kontakte zur Muslimbruderschaft pflegte und großen Einfluss auf die gegenwärtige herrschende Elite des Iran hat, bis zur Revolution von 1979 zeichnet Wahdat-Hagh den jahrzehntelangen fanatische Antisemitismus und die hartnäckige wahnhafte Idee einer totalitären islamischen Gemeinschaft bei den iranischen Islamisten nach.

Bereits 1948 propagierte Safavi den „Krieg gegen die Juden“(30) und versuchte Freiwillige für den Krieg gegen Israel zu rekrutieren. Khomeinis Äußerungen zu Israel vor der Revolution 1979 beinhalten bereits das volle Repertoire der gegenwärtigen Propaganda von antisemitischen Organisationen wie Hamas und Hizbullah. 1962 warf er Israel vor, den „Klerus und den Islam vernichten“(195) zu wollen. 1963 halluzinierte sich Khomeini als zukünftigen Märtyrer, der durch die „Handlanger der Israelis“(196) umkommen werde. 1971 behauptete er, Israel befinde sich „im Krieg gegen den Islam“ und hätte „die Al-Aqsa Moschee zerstört“.(199). Nach der islamischen Revolution von 1979 wurde der antisemitische Wahn zur Staatsdoktrin und nun mit allen Mitteln eines totalitären Regimes verbreitet. Besonders detailliert schildert Wahdat-Hagh die Geschichte des Al-Quds Tag, an dem seit 1979 alljährlich zur Zerstörung Israels aufgerufen wird. Anhand dieses und einer Vielzahl weiterer Beispiele, wie bspw. der Holocaust-Leugner Konferenz 2006 in Teheran, weist der Autor eindringlich darauf hin, dass Antisemitismus im Iran nicht allein vom Präsidenten Ahmadinejad oder dem Revolutionsführer Khamenei gepredigt wird, sondern seit Jahrzehnten von unzähligen Fanatikern in Eigenregie in Zeitungen, in den großen iranischen Fernsehanstalten, wissenschaftlichen Instituten, innerhalb der totalitären Organisationen des Regimes etc. verbreitet wird. Dokumentarischen Charakter haben dabei die Übersetzung einer Diskussion Ahmadinejads mit amerikanischen Diplomaten (2006), Auszüge eines Interviews (2006) des Ex-Präsidenten Mohammed Khatami, ein Interview (2006) mit dem Berater Ahmadinejads und Organisator der Holocaust-Leugner Konferenz Mohammed Ali Ramin und eine Vielzahl an Auszügen aus Reden und Proklamationen prominenter Vertreter des Regime. 

Ein weiterer Aspekt der Ideologie des Regime, der von Wahdat-Hagh eingehend untersucht wird, ist die apokalyptische Mahdi-Prophezeiung, wonach „Gerechtigkeit erst verwirklicht werden“ wird, wenn der „»verborgene« zwölfte Imam, der Mahdi, zurückgekehrt ist und diese letzte Schlacht gegen die Ungläubigen in der Welt geführt hat.“(49) Der Mahdi-Mythos baut dabei auf einer „Grundhaltung“ des iranischen Islamismus.

„Je stärker Schuldgefühle und Gefühle der Unterlegenheit sind, desto stärker wird auch die religiös begründete Betonung der eigenen Größe,  der Größe der eigenen Religion und der totalitären Wahrheitsansprüche.“ (52f.)

Auch die apokalyptischen Heilserwartungen wurden nicht erst von Ahmadinejad inspiriert. Schon Khomeini sprach vom „Beginn der großen Revolution der islamischen Welt unter der Fahne des verborgenen Imams.“(58) Und in „den letzten Jahren schießen auf den Mahdismus spezialisierte Universitäten, Institutionen, Zeitungen und Internetforen wie Pilze aus dem iranischen Boden.“(68) Noch bedenklicher sind die Ansichten des gegenwärtigen Präsidenten über die Verbindung des iranischen Atomprogramms mit dem zwölften Imam. So erklärte 2008 der Präsident im iranischen Staatsfernsehen IRIB TV1, der Imam würde die „Angelegenheiten des iranischen Atomprogramms“ (62) lenken. Hintergrund dafür ist, dass nach der khomeinistischen Interpretation das „Erscheinen des Messias“(55) durch eine Machtdemonstration der Muslime aktiv herbeigeführt bzw. beschleunigt werden kann.

Eingehend wird auch die geschlechtsspezifische Verfolgung von Frauen in der Islamischen Republik Iran beschrieben. Dies betrifft vor allem die historischen Umstände bezüglich der Einführung der Zwangsverschleierung in den ersten Tagen und Wochen nach der Islamischen Revolution, die Repression gegen die iranischen Frauenbewegung sowie die juristische Stellung der Frau. Allein als wahnsinnig sind Regelungen bezüglich des „unerlaubten Geschlechtsverkehr[s]“ zu bezeichnen:

„Wenn zwei Frauen miteinander sexuell verkehren, bekommen sie jeweils 100 Peitschenhiebe (Artikel 129). Wenn eine verheiratete Frau fremdgeht, wird sie gesteinigt. Wenn sie das Vergehen gesteht, muss gemäß Artikel 83 und Artikel 99 zuerst ein Kleriker den Stein werfen, dann ist die Menge dran. Wenn sie das Vergehen nicht gesteht, aber Zeugen es bestätigen, muss zuerst die Menge den Stein auf sie werfen und erst dann kommt der Kleriker zum Zug. […] Artikel 102 legt fest, dass der Mann bis zu Hüfte, die Frau aber bis zur Brust eingegraben wird, bevor die Steinigung beginnt. Die Frau soll keine Fluchtmöglichkeit haben. Die Steine sollen nicht so groß sein, dass die Person schon nach einem oder zwei Würfen stirbt (Artikel 104). Die Steine sollen aber auch nicht zu klein sein. Die Person soll jedenfalls gequält werden, bevor sie stirbt“ (265)

Auch die systematische Verfolgung der größten religiösen Minderheit im Iran, der Bahai, weist auf den totalitären und fanatischen Charakter des iranischen Regimes. Dabei werden die Bahai immer wieder als Agenten einer antiislamischen, wahlweise jüdischen Konspiration porträtiert. Selbst die Protokolle der Weisen von Zion haben in den Anti-Bahai Pamphlet Memoiren von Dolguruki ihr paranoides Gegenstück. In den 50er Jahren wurde mit der Anjomane Hojatiye eine eigene Organisation zur Verfolgung der Bahai gegründet. Deren Mitglieder verbreiteten in den Moscheen und selbst im staatlichen Radio ihre Verschwörungstheorien und schufen ein gesellschaftliches Klima in dem Gewalt und Pogrome gegen Bahai und deren Einrichtungen legitim erschien. Die Hojatiye-Bewegung sammelte auch Informationen über die Bahai-Gemeinden und deren Mitglieder.

 „Zu Beginn der Islamischen Revolution kontrollierten die Hojatiye-Gruppen sogar eigene Gefängnisse, in denen Bahai willkürlich inhaftiert wurden. Viele Bahai wurden Opfer von angeblichen Unfällen, andere wurden auf offener Straße erstochen oder erschossen.“ (234)

Unter der Präsidentschaft des vermeintlich moderaten Khatami erreichte die Verfolgung der Bahai einen neuerlichen Höhepunkt als Razzien in Hunderten Haushalten der Bahai durchgeführt wurden. „Im Mai 2011 befanden sich mindestens 79 Bahai in Haft.“ (235)

Der islamistische Totalitarismus bietet eine umfassende Darstellung der historischen Entwicklung zentraler Elemente der Ideologie der Islamischen Republik Iran und muss in dieser Hinsicht als ein Standardwerk zum Iran gelten. Ein Mangel ist jedoch, dass die Geschichte der iranischen Protestbewegung 2009 bzw. deren Stellung zum Regime nur beiläufig erwähnt werden. Dabei weist Wahdat-Hagh jedoch immer wieder nachdrücklich darauf, dass viel der sogenannten moderaten Kräfte im Iran, exemplarisch dafür der ehemalige iranische Präsident Khatami, überzeugte Anhänger der Ideologie der Islamischen Republik Iran sind. Zur inneren Struktur des totalitären Regimes wird man nur wenig Anhaltspunkte finden. Dazu sei jedoch auf Wahdat-Haghs Buch Die Islamische Republik Iran. Die Herrschaft des politischen Islam als eine Spielart des Totalitarismus (2003) verwiesen, dass in dieser Hinsicht Pionierarbeit geleistet hat und diese Struktur der totalitären Institutionen detailliert schildert. Eine weitere offene Frage, betrifft die Gefolgschaft des Regimes. Hinsichtlich des Staatsklerus gibt es in Der islamistische Totalitarismus dazu bereits einige Aussagen. Darüber hinaus die Sozialstruktur und die Interessen der Massenbasis des Regime zu beleuchten könnte noch einige interessante Einsichten in die Natur des Regimes zu Tage bringen.

Luis Liendo Espinoza

Wahied Wahdat-Hagh
Über Antisemitismus, Anti-Bahaismus, Christenverfolgung und geschlechtsspezifische Apartheid in der "Islamischen Republik Iran"

Frankfurt: Peter Lang 2012
(Democracy, Human Rights, Integration, Radicalisation and Security. 1.)
334 S., 49,80 €
ISBN 978-3-631-63569-8

 

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