Buch "Karl Pfeifer: Einmal Palästina und zurück Ein jüdischer Lebensweg"

Rezension: Einmal Palästina und zurück Ein jüdischer Lebensweg

Die Schoah-Literatur ist zahlreich und vielfältig, die Biografien Überlebender nehmen darin einen bedeutenden Platz ein. Wo viele von ihnen das Grauen nicht in Worte fassen konnten, nahmen viele andere das nicht verdrängbare, kollektive Schuldgefühl des überlebt Habens als moralische Verpflichtung, die nachkommenden Generationen warnend zu informieren, wozu das Individuum Mensch im Kollektiv unter machtpolitischen Einflüssen und verlogenen Ideologien fähig sein kann. Die Biografien der Schoah-Überlebenden waren schmerzlich zu lesen. Brauchen wir eine neue, jetzt, nach so vielen Jahren?

Ja, diese Biografie des Autors Karl Pfeifer brauchen wir, aus verschiedenen Gründen. Und gerade heute mehr als vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren. Denn zwischen der von den Staatstragenden Europas pflichtschuldigst geförderten Erinnerungskultur, dem sogar in Parteiprogramme eingeflossenen „Nie wieder“, keimt er wieder, der alte Antisemitismus. Überall in Europa, besonders aber dort, wo ihn der Autor schon als Kind ertragen musste. Und in gleichem Maße wachsen Unverständnis und Aversionen gegenüber Israel, in denen sich alter Antisemitismus nicht in der Regel, aber viel zu oft zu camouflieren weiß.

In der klaren, schnörkellosen Sprache des penibel recherchierenden und kritisch analysierenden Journalisten setzt der Autor sein eigenes Leben in die europäische und nahöstliche Zeitgeschichte dieses so dunklen, zweiten Viertels des 20. Jahrhunderts, deren Erläuterung er breiten Raum schenkt. Somit geht sein Werk weit über eine individuelle Biografie hinaus und wird zum zeitgeschichtlichen Dokument, das sowohl allen interessierten LeserInnen die Geschehnisse und Zusammenhänge verständlich macht, wie auch uns HistorikerInnen all die Fakten in Erinnerung ruft, die zum Teil „modern“ gewordene, politisch motivierte Geschichtsklitterungen aufdecken und somit objektive Sichtweisen fördern.

Gerade dieser sich selbst zurücknehmende Stil ermöglicht dem Lesenden eine individuelle Rezeption der menschlichen Aspekte jener Zeit des Grauens, tiefes Verständnis und Empathie. Hier schreibt kein eitler, verletzter Held zur Darstellung seines Leidens und Rechtfertigung seines Überlebens. Die Verletzungen des Selbstkritischen, der seine Schwächen stets mit aufzeigt, werden erst durch die Sensibilität des Lesenden aus Andeutungen heraus real erfassbar, mitempfunden und somit wieder menschlich unfasslich. Dennoch lässt der Autor immer wieder seine Gabe zur feinen Ironie und Wortwitz einfließen. An manchen Stellen möchte man laut auflachen, erkennt aber rasch den Humor auch als eine mögliche Überlebensstrategie, wie sie dem jüdischen Witz per se innewohnt.

Karl Pfeifers Lebensweg führt über die Flucht der Familie vor den Nazis zunächst nach Ungarn, dann gelangt er im Zuge der Jugend-Aliya nach Palästina. Er lebt und sozialisiert sich in Kibuzzim, meldet sich freiwillig zum Palmach, der Eliteeinheit der Hagana, der Vorläuferin der späteren israelischen Armee Zahal. Vom Militärdienst wird er Anfang 1950 ausgemustert, zur Berufsausbildung kehrt er nach Europa zurück.

Für die tiefen Einblicke in die palästinensische und israelische Realität der Jahre vor und nach der Staatswerdung, die wichtige, aus politischem Kalkül oft verdrängte Aspekte Interessierten erklären und Fachleuten in Erinnerung rufen, gebührt dem Autor Karl Pfeifer größter Dank.

Chava Gurion

 

Karl Pfeifer
Einmal Palästina und zurück. Ein jüdischer Lebensweg

Edition Steinbauer 2013
Buch, Broschur.
176 Seiten, ca. 22,50 €
ISBN 978-3-902494-62-7

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